Imperfektion des Glücklichseins

In den letzten Wochen hat sich mein – zugegeben eher kleiner – Geist immer wieder mit einer auf den ersten Blick simplen Frage beschäftigt: Was bedeutet eigentlich glücklich sein?

Befragt man den Duden, versteht man unter Glück: „angenehme und freudige Gemütsverfassung … Zustand der inneren Befriedigung und Hochstimmung.“

Was laut Definition so simpel klingt, hinterlässt in der Realität erstaunlich viele Fragezeichen. Wer von uns kann jeden Abend behaupten, glücklich und mit Hochstimmung sein Köpfchen auf das Nackenkissen zu betten? (Ja, ab 30 kann ich so einen ergonomischen Freund wärmstens empfehlen). Wenn ihr diese Frage ehrlich mit JA beantworten könnt: aufrichtige Gratulation. Ich selbst muss diese fiktive Fragestellung leider verneinen. Und genau das hat den kleinen Spürhund in mir geweckt. Warum empfinden wir so? Und warum wird unglücklich sein sofort mit dem Vorhof zur Hölle namens „Alles dunkel und schwarz“ gleichgesetzt?

Zwischen diesen Extrempolen – weißem Glücklichsein und schwarzem Unglücklichsein – liegen so viele Shades of Grey, dass jede Erotikroman-Autorin vor Neid erblassen würde.

Meine These: Wir haben als Gesellschaft verlernt, zufrieden zu sein. Social Media und Dauerberichterstattung suggerieren uns, der Sinn des Lebens liege im permanenten Mehr: mehr Geld am Konto, perfektere Insta-Urlaubsfotos, die Vorzeigefamilie ohne Risse im Lack. Aber wer hat eigentlich beschlossen, dass das krampfhafte Hinterherlaufen nach diesen gesellschaftlich gezimmerten Narrativen das Geheimrezept für Glück ist?

Nehmen wir den klischeebeladenen Begriff „glücklicher Single“. Sobald jemand das über sich sagt, halten viele es reflexartig für eine Schutzbehauptung. Warum sprechen wir Menschen ihre eigene Definition von happy sein ab – selbst wenn sie nur für eine Lebensphase gilt? Warum erscheint es uns so unvorstellbar, dass jemand bewusst entscheidet, nicht mit zwei Kindern und Ring am Finger vom WhatsApp-Profilbild zu strahlen?

Vielleicht sind genau diese Einflüsse auch der Nährboden für unsere Selbstzweifel: Mache ich das richtig? Wie sehen andere mein Handeln? Bin ich genug – für mich und für andere?

Und damit zur vielleicht wichtigeren Frage: Welche Figur wollen wir eigentlich sein auf dem Schachbrett des Lebens? Das Bauernopfer – oder doch ein Major Piece?

Gerade meine Generation, die wohlbehütet in geopolitisch relativ ruhigen Zeiten aufgewachsen ist, scheint momentan Mühe zu haben, ihren mentalen Safe Space zu finden. Zwischen Corona-Lockdowns, Kriegen vor der Haustür und weltwirtschaftlichen Entwicklungen in gefühlt doppelter Geschwindigkeit.

Und so landen wir am Ende alle ein bisschen wie gestrandete Pottwale (keine Anspielung auf Körpermaße) in dieser Bucht des imperfekten Glücklichseins. Die einen verlieren sich beim qualvollen Kompassfolgen des „immer mehr“ und gehen daran zugrunde. Die anderen pfeifen auf gesellschaftliche Drehbücher, trotzen auch mal meterhohen Wellen – und sind dem echten Glück vermutlich näher, als sie selbst glauben.


(c) kitchenlover

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